12togo

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Ich bin der, der es genauso seltsam findet, vor dem Sex das Handy auszuschalten, wie es nicht zu tun.
Ich bin der, der sich fragt, ob er auf einen Cent Rückgeld warten soll, wenn das Brot 2,99 gekostet hat, oder ob es arrogant wirken würde, darauf zu verzichten.
Ich bin der, von dem du dich immer fragst, warum es ihn nicht gibt.
das wars dann von jochen schmidt.

13togo

11

Ich bin der, der gern Sprayer wäre, sich aber für kein Pseudonym entscheiden könnte.
Ich bin der, der sich fragt, warum nicht alle so sind wie er.
Ich bin der, der im Vorbeigehen an einem Blatt zupft, und dann fällt der Baum um.
j.s.

14togo

10

Ich bin der, der jedesmal nachdenkt, ob es in dem Fall ›tod‹ oder ›tot‹ heißen muss.
Ich bin der, der das Radio leiser drehen würde, wenn er beim Radio anrufen würde.
Ich bin der, der lostanzt, und dann stellt sich heraus, dass es gar nicht das Lied ist.
Ich bin der, der Melonen erfinden möchte, die man erst zu Hause mit Wasser befüllt.
immer noch jochen schmidt, durch seine vielschichtigkeit müssen wir jetzt weiter durch

15togo

9

Ich bin der, der sagt „stimmt so“.
Ich bin der, der auch noch auf dem Foto ist, und von dem dir der Name nicht mehr einfällt.
Ich bin der, der deinen Blick bemerkt hat, als der große, stattliche Mann hereinkam und sich den Schnee seiner letzten Reise von den Schultern klopfte.
Ich bin der, den man fragt, ob er mal rückt.
Jochen Schmidt schon wieder und morgen auch nochmal.

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8

MEINE VIELSCHICHTIGKEIT
Ich bin der, neben den sich Frauen nachts auf den leeren Bahnsteig setzen, weil sie von ihm nichts befürchten.
Ich bin der, der die Vokabeln gelernt hat, auch die nicht zum Lehrstoff gehörenden mit dem Sternchen.
Ich bin der, dem alle Reißverschlüsse reißen.
Ich bin der, der dem Paketboten auf der Treppe entgegenkommt.
Jochen Schmidt, Meine wichtigsten Körperfunktionen (tbc)

17togo

7

Ein Unwetter bringt das Geschäftsleben in Schwung. Die Fußgänger verlassen die Straßen und flüchten in alle möglichen Läden rein. Dort entdecken sie Dinge, die sie sich bei Sonnenschein nie ankucken würden, und kaufen Sachen, die sie eigentlich überhaupt nicht brauchen, zum Beispiel Regenschirme.
Wladimir Kaminer, Schönhauser Allee

18togo

6

Fast alle Bäume im Krankenhausareal sind schon kahl, zwischen den Ästen werden Gebäude sichtbar, von deren Existenz ich noch vor ein paar Wochen nichts wusste. Das trockene Laub ist zusammengeschrumpft und hart geworden, jedes Mal, wenn es vom kalten Novemberwind über den Asphalt gejagt wird, hört man die Blätter geradezu kratzen und knarren.
Michael Viewegh, Völkerball

19togo

5

Leere Straßen, Wintertage in der Provinz, schnelles Fahren im durchsonnten Nebel. Weingärten im Regen und Krähenschreie in weißer Düsternis. Ausgefahrene Sandwege zwischen Mauern, Radspuren voll Wasser und die leeren, fauligen Köpfe der Sonnenblumen. Dole sagte: das Gras sieht aus, als sei es aus einer Matratze gerissen worden, die nassen Steine sehn schwerer aus als sie sind. Die letzten Blätter turnten in Augenhöhe, schwarz geworden im tropfenden Unterholz. Geschälte Baumstämme über den Straßengräben, von Fäulnis durchsäuerte, beißend kalte Luft. Wir stelzten durch die Pfützen und hielten uns fest, wir sprangen über die Gräben und fingen uns auf.
Christoph Meckel, Licht

20togo

4

Ich verlasse missmutig das Haus. Ein nasser und trüber Wintertag schlägt mir ins Gesicht. In den Gummirillen meiner Schuhsohlen haben sich einzelne Körner Streusplitt festgebissen wie Parasiten. Das Kratzgeräusch eines überstehenden Steinchens unter meinem Schoh begleitet meinen Schritt. Es knirscht, aber ich bin zu faul, das Steinchen aus der Schuhsohle zu fingern. Ich suche nachlässig den Asphalt des Gehsteigs ab, um vielleicht ein Hölzchen zu finden, mit dem ich das Steinchen leichter aus der Rille kratzen könnnte. Am besten wäre ein Eisstäbchen, doch der lästige Streusplit wird längst verschwunden sein, wenn die Kinder auf den Straßen wieder Eis schlecken.
Johannes Gelich, Chlor

21togo

22

Die Morgendunkelheit wirkt an manchen Tagen so, als könnte sie stundenlang dauern. Dabei erkennt man nicht einmal, ob Wolken am Himmel sind oder nicht. Ich verzichte auf die Straßenbahn und gehe zu Fuß hinauf bis zum Gürtel. Ich sehe nur wenige Menschen. Sie ziehen alle den Kopf ein und mögen den Wind nicht. Keiner würde meinen Umweg verstehen. Ich habe endlos Zeit.
Paulus Hochgatterer, Über Raben